Der Maibaum
Am 1. Mai wird in vielen Orten Salzburgs ein Maibaum an einem zentralen Platz errichtet. Der Maibaum, eigentlich ein sichtbares Rechtssymbol aus dem Mittelalter, hat im Laufe der Jahrhunderte vielerlei Ausgestaltungen und auch immer wieder neue Deutungen erlebt. Der Maibaum ist auch Bestandteil der seit dem Mittelalter beliebten Frühlings- und Maifeiern. Er war gleichzeitig der sichtbare Hinweis, dass nun die Vegetationszeit im Gange war und das Wachstum auf Feldern und Wiesen nicht mehr gestört werden dürfe. Mit heutigen Worten könnte man den Maibaum zu dieser Zeit ein weithin sichtbares Verbotszeichen nennen, das an mögliche Sanktionen bei Übertretung erinnerte. (vgl. Moser, Maibaum und Maienbrauch; Kramer, Grundriß). Ebenso gehört der Maibaum zur „großen Familie der Festbäume“ (Wolf, ABC zur Volkskunde Österreichs: Maibaum | ABC zur Volkskunde Österreichs | Kunst und Kultur im Austria-Forum, Stand: 07.07.26), zu der u.a. Kirtagbaum, Hüterbaum, Sonnwendbaum oder die Bäumchen zur Dachgleiche zählen (Schmidt, Volkskunde, 218). Maibaum-Feste existierten seit dem Mittelalter, sind aber in den heute bekannten Formen mit Tanz etc. eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Die flächendeckende Verbreitung des Brauches setzte im 20. Jahrhundert ein. Dazu trug die nationalsozialistische Brauchpflege bei, die das Aufstellen als angeblich ‚uraltes Symbol der erwachenden Natur‘ für das ganze Reich anordnete.
Zur Geschichte des Maibaumes
Bald nach der ersten bekannten Nachricht (Aachen, 1224) erfährt man 1230 von einem Maibaum am Babenbergerhof in Wien samt einer Maibaumkletterei. „Das Aufstellen und Schmücken war ebenso wie das anschließende Fest eine Pflicht der weltlichen Obrigkeit.“ Aus dem 17. Jahrhundert gibt es viele Quellen, die das Maibaumaufstellen belegen (Moser, Maibaum und Maienbrauch; Wolf, Das neue Brauchbuch, 180f. und Wolf, ABC zur Volkskunde Österreichs: Maibaum | ABC zur Volkskunde Österreichs | Kunst und Kultur im Austria-Forum, Stand: 07.07.26; Döring, Rheinische Bräuche, 203 f.; Schmidt, Volkskunde von Niederösterreich, 217 f.). Auch für 1466 ist ein Maibaum für Wien dokumentiert und aus dem 16. Jahrhundert gibt es Belege für Reisigkränze und Girlanden als Maibaumschmuck. Nach Aufhebung der Grundherrschaften, nach der Revolution von 1848 und schließlich mit der Abwanderung vom Lande, bekamen dörfliche Feste eine neue Bedeutung als Anlässe der Integration und Identifikation. Der Maibaum wurde in vielen Regionen Bayerns im 18. Jahrhundert mit Dorfwappen und Zunftzeichen, die im 20. Jahrhundert oft gegen Trachtenpaare ausgetauscht wurden, geziert. Im 19. Jahrhundert wurde daraus ein „Freiheitsbaum“ des Bayerischen Königreiches. (Kapfhammer, Brauchtum, 172f.; Kriechbaum, Scheller, Schleicher, 188ff.) und kam in anderen Regionen ganz ab. Im 19. Jahrhundert machte das allgemeine Bedürfnis nach Naturmythen den Maibaum zum Fruchtbarkeitssymbol mit heidnischen Wurzeln, zum Hexenbaum der Walpurgisnacht etc. Diese Meinungen wirken teils bis heute nach. Über Vereinsfeste vor und während der NS-Zeit kamen auch in Österreich Figuren und bunte Bemalungen auf den Maibaum. Die NS-Zeit vereinnahmte auch den Maibaum und instrumentalisierte ihn hakenkreuzgeschmückt für politische Kundgebungen und Sportveranstaltungen als germanisches Symbol. Die Feiern wurden speziell für Jugendliche inszeniert, Tänze und Spiele kamen dazu. Damit war der Maibaum nach 1945 für viele Menschen ein Symbol politischen Ungeistes. In Linz etwa, wurde er erstmals wieder 1976 aufgestellt (Kühberger, Der nationalsozialistische; Kriechbaum, Scheller, Schleicher, 188). Das Stehlen des Maibaums aus dem Wald (Zeller, Maibaumsetzen, 109; Burgstaller, Der Maibaum, Kapitel „Maibaum II – Stehlen im Wald“) sowie das Stehlen des Baums durch die Nachbarschaften vor oder nach dem Aufstellen (z. B. 1669 bereits für Gauting in Bayern erwähnt, aber auch in Österreich sehr üblich –, Kriechbaum, Scheller, Schleicher, 189; Schober in Kapfhammer, Brauchtum, 175) sowie das Maibaumaufstellen, und das Maibaum-Umschneiden sind mit vielen (regional oft unterschiedlichen) Bräuchen und Ritualen begleitet. Meist wird der Maibaum in Österreich Ende Mai oder zu Pfingsten, vereinzelt zu Erntedank im Herbst, umgeschnitten und dieser Brauch mit ritualisierten Spielen und Späßen gefeiert, der Baum häufig auch versteigert. Das Bewachen durch die Burschen des Ortes und strenge ungeschriebene Gesetzte für ein mögliches Stehlen durch die Burschen der Nachbarorte geben die Verhaltensrichtlinien vor und werden sogar von der Gesetzgebung, sofern nicht über die Stränge geschlagen wird, als ortsübliche Sitten berücksichtigt (Kriechbaum, Scheller, Schleicher…, 189; Burgstaller, Der Maibaum, Kapitel „Maibaum III – Stehlen und Beschädigen des zum Aufstellen vorbereiteten Baumes“). Auch wie der Baum bearbeitet und gestaltet wird, ist unterschiedlich. In Österreich wird er seiner Äste entledigt und entweder ganz mit dem Schepseisen entrindet, oder in kunstvollen Spiralen oder anderen Rindenschnitzereien (v.a. in der Steiermark) verziert, nur der Wipfel bleibt erhalten. Manchmal wird der Wipfel in bestimmten Teilen Österreichs auch aus einer anderen Holzart – dann ob des besonderen Aussehens - oder aus Sicherheitsgründen (Risse beim Fällen) angeschäftet. Das (heute bereits durch die Bergrettung oder ähnliche Organisationen gut abgesicherte) Maibaumkraxeln um die Ehre wie um die oben hängenden Preise wie Brezen, Würste oder Weinflaschen, ehemals auch „Bestfahnen“, bestehend aus Silbermünzen in Seidentüchern oder, so in Oberösterreich auch Geldstücken im Wipfel befestigt (Adrian, Der Maibaum, 120-121; Guppenberger, Zur Volkskunde, 143-144), ist ein beliebter Sport und Wettkampf der Burschen, zu dem heute auch Steigwachs, wie z. B. bei den Lungauer Baumkraxel-Siegern von 2026, auf die Füße der Kraxler kommt.
Der Tanz um den Maibaum stammt vermutlich aus der Renaissance, wurde aber im 20. Jahrhundert ab der Zwischenkriegszeit von der Volkstanzbewegung stark verbreitet. (Wolf, Das neue Brauchbuch, 181). Er ist besonders in den letzten Jahren auch in den Städten sehr beliebt und das Maibaumaufstellen selbst eine Gelegenheit, wieder Dirndl und Lederhose auszuführen.
Der Beitrag von Lambert Guppenberger „Zur Volkskunde“ [Oberösterreichs] im ethnografisch-enzyklopädischen Reihenwerk „Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild“, Band „Oberösterreich und Salzburg“ bringt (Abb. von Hugo Charlemont, 145) eine Zeichnung „Das Baumkraxeln“ und eine Beschreibung als Frühlingsbrauch (ohne konkretes Datum), das von Wirtshäusern veranstaltet wurde. Erwähnt wird nur das Wettkraxeln um einen Wipfel (samt Geldstücken als das wertvollste „Best“) an der Baumspitze und danach ein fröhlicher Umtrunk. Die Verbote gegen das ausgeuferte Maibaumkraxeln, die z. B. Maria Theresia erlassen hatte, haben den Brauch also nicht verhindern können. (Wolf, Das neue Brauchbuch, 180). Im selben Band der „Monarchie“ von 1889 erwähnt Franz V. Zillner, der Spitalsvorstand, Salzburger Sanitätsrat und Mit-Begründer der „Gesellschaft für Salzburger Landeskunde“, das Maibaumaufstellen: „Es naht der 1. Mai. Schon Tags vorher werden in den Dörfern Liefering, Maxglan, Gretig [= Grödig], auf den Felsenspitzen des Nocksteins und des Pabensteines (Barmstoa) bei Hallein ‚Maibäume‘ gesetzt; am frühen Morgen durchzieht Musik die Straßen der Hauptstadt und ein schulfreier Tag gestattet der Jugend größere Ausflüge in die Umgegend. Auf diesen Tag fällt auch die Besitznahme Salzburgs durch Österreich.“ (Zillner, Zur Volkskunde, 444). 1902 erschien sogar in der bekannten „Zeitschrift des Vereines für Volkskunde“ in Berlin ein Aufsatz über den Aberseer Maibaum, der weder Tanz noch Baumkraxeln erwähnt. „In der Nacht auf den ersten Mai wird von den Burschen eines Dorfes … bei alleinstehenden Wirtshäusern, seltener vor dem Wohngebäude einer besonders begehrenswerten Dorfschönen ein Maibaum gesetzt.“ Der Maibaum wird zuvor aus einem Wald heimlich gestohlen und beim Aufstellen von den Mädchen mit Reisigkränzen und Fähnchen geschmückt. Der Maibaum wird „von den Hausbesitzern jetzt als wohlerworbenes Eigentum betrachtet“ und musste wohl in irgend einer Form honoriert werden. Hannelore Fielhauer-Fiegl nennt dieser Art des Maibaum-Aufstellens einen vor der NS-Zeit auch in Niederösterreich weit verbreiteten Brauch, der als Ehrung gedacht war. (Fielhauer-Fiegl in Kapfhammer, 177). Dieser ist häufig eine schlanke, besonders hohe Fichte oder Tanne. Grundbedingung ist, dass der Maibaum „nächtlicher Weile und heimlich einer fremden Waldung entnommen, also regelrecht gestohlen werde“ (Zeller, Maibaumsetzen, 109). Karl Adrian berichtet 1924 in „Von Salzburger Sitt’ und Brauch“ von verschiedenen Arten des Maibaumaufstellens, der Wettkämpfe und der Maibaumzier in Salzburg (Adrian, Der Maibaum). Er verweist, ohne präzise Zitation, auch auf den Landesbeschreiber Lorenz Hübner, der 1796 in seiner Beschreibung des Salzburger „flachen Landes“ über „zwey sogenannte Maybäume“ berichtet, den die Berchtesgadener jährlich den Halleinern gegen eine Spende errichteten. (Adrian, Von Salzburger Sitt’, 123; Hübner, Beschreibung des Erzstiftes, Bd 1, 318). Bezüglich der „Stehl-Regeln“ (aus dem Wald bzw. knapp vor oder knapp nach dem Aufstellen) gibt es eine Vielzahl von überlieferten örtlichen Gewohnheiten die immer wieder zu Missverständnissen zwischen Akteur:innen sowie langandauernden „Fehden“ zwischen Gemeinden bzw. Burschengruppen führen, und das auch im benachbarten Bayern. Die legendären „Maibaumräuber“ Valentin und Georg Bauer, die „Filser-Buam“ aus Massenhausen, die 1964 den Münchener Maibaum in einer sechsstündigen Nacht- und Nebel-Aktion stahlen, hatten jahrzehntelang am Münchener Oktoberfest eine eigene „Maibaumräumerboxe“.
Eine allgemeine „Stehl-Regel“ für ein gesamtes Bundesland gibt es nicht. Gestohlene Bäume werden gerne gegen eine stattliche Menge Bier oder Ähnliches wieder ausgelöst. Mitunter führen dabei entstehende Schäden und Unfälle aber auch zu straf- oder zivilrechtlichen Folgeerscheinungen.
Der historisch weit rückverfolgbare Maibaum mit seinen Umdeutungen und wechselnden Interpretationen hat also mit dem 1. Mai als Kampf- und Protesttag der Arbeiterschaft nichts zu tun, auch wenn beide Kulturerscheinungen am, oder um den 1. Mai Platz greifen.
Lit.:
-Adrian, Karl: Der Maibaum. In: [Derselbe] Von Salzburger Sitt und Brauch. Wien: Österreichischer Schulbücherverlag, 119-123.
-Burgstaller, Ernst (1968): Der Maibaum in Österreich. In: Österreichischer Volkskundeatlas (ÖVA). [Kommentar zu den Karten Bl. 48, 49 und 50]. 3. Lieferung. Unter dem Patronate der Österreichischen Akademie der Wissenschaften hg. von der Wiss. Kommission für den Volkskundeatlas in Österreich. Graz-Wien-Köln: In Kommission bei Hermann Böhlau, 43 S.
-Döring, Alois (2006): Rheinische Bräuche durch das Jahr. Köln, 203 f.
-Guppenberger, Lambert: Zur Volkskunde. Volkscharakter, Trachten, Sitten und Bräuche. In: Die Österreichisch-Ungarische Monarchie in Wort und Bild. Band: Oberösterreich und Salzburg. Wien: Druck und Verlag der kaiserlich-königlichen Hof- und Staatsdruckerei 1889, 119-171.
-Hübner, Lorenz: Beschreibung des Erzstiftes und Reichsfürstenthums Salzburg in Hinsicht auf Topographie und Statistik. 1. Das Salzburgische flache Land. Salzburg: Fraz Xaver Oberer, 318. Hier benutzt die digitalisierte Fassung des MDZ: 'Hübner, Lorenz: Beschreibung des Erzstiftes und Reichsfürstenthums Salzburg in Hinsicht auf Topographie und Statistik. 1, Das Salzburgische flache Land', Bild 334 von 348 | MDZ (Stand: 08.07.2026).
-Kramer, Karl-Sigismund (1974): Grundriß einer rechtlichen Volkskunde. Göttingen: Otto Schwartz & Co.
-Kapfhammer, Günther (1977): Brauchtum in den Alpenländern. Ein lexikalischer Führer durch den Jahreslauf. München: Callwey, 172–179. (hier auch einzelne Artikel von Gerhard Schober und Hannelore Fielhauer-Fiegl)
-Kriechbaum, Reinhard: Feiertag der Arbeit. In: [Derselbe] (2012): Scheller, Schleicher, Maibaumkraxler. Salzburg: Anton Pustet, 191-192.
-Köstlin, Konrad: Der Heilige Josef. Vom Breikocher zum Muskelmann. In: www.brauch.at (Stand: 08.07.2026). Link siehe „Webpages“ weiter unten
-Kühberger, Christoph: Der nationalsozialistische 1. Mai. In: www.brauch.at (Stand: 22.06.2026) Link siehe „Webpages“ weiter unten.
-Moser, Hans: Maibaum und Maienbrauch. Beiträge und Erörterungen zur Brauchforschung. In: [Derselbe]: Volksbräuche im geschichtlichen Wandel. Ergebnisse aus fünfzig Jahren volkskundlicher Quellenforschung.
-Portisch, Hugo; Riff, Sepp (1986): Österreich II. Band 2: Der lange Weg zur Freiheit. Wien: Kremayr & Scheriau.
-Schmidt, Leopold: Volkskunde von Niederösterreich. Bd. 2. Horn: Ferdinand Berger 1972, 217-221.
-Stourzh, Gerald (41998): Um Einheit und Freiheit. Staatsvertrag, Neutralität und das Ende der Ost-West-Besetzung Österreichs 1945-1955. Wien-Graz [u.a.]: Böhlau
-Wolf, Helga Maria: 1. Mai. In: [Dieselbe] (2000): Das neue Brauchbuch. Wien: Österreichischer Kunst- und Kulturverlag, 177-182.
-Zeller, Gustav: Maibaumsetzen am Abersee (Salzburg). In: Bolte, Johannes (Hg.): Zeitschrift des Vereins für Volkskunde. Jg. 12. Berlin 1902, 109-110.
-Zillner, Franz: Zur Volkskunde: Volkscharakter, Trachten, Bräuche, Sitten und Sagen. In: Die Österreichisch-Ungarische Monarchie in Wort und Bild. Band: Oberösterreich und Salzburg. Wien: Druck und Verlag der kaiserlich-königlichen Hof- und Staatsdruckerei 1889, 425-460.
Webpages:
4.18. Der Heilige Josef. Vom Breikocher zum Muskelmann (Konrad Köstlin)
http://www.staatsfeiertag.at (Stand: 22.06.2026)
http://de.wikipedia.org/wiki/Erster_Mai (Stand: 22.06.2026)
Mai Erster | ABC zur Volkskunde Österreichs | Kunst und Kultur im Austria-Forum (Stand: 22.06.2026)
Maibaum | ABC zur Volkskunde Österreichs | Kunst und Kultur im Austria-Forum (Stand: 07.07.26)
http://www.aeiou.at/aeiou.encyclop.s/s739842.htm (Stand: 22.06.2026)
Lebenslinien: Die Maibaumräuber-Brüder · Nochmal hingeschaut - hier anschauen (Stand: 09.07.2026)
Text: Prof.in Dr.in Ulrike Kammerhofer-Aggermann und Dr. Michael J. Greger, Salzburger Landesinstitut für Volkskunde